Stillleben – Als hätte man auf Pause gedrückt

Bei einigen trifft der Begriff Stillleben wahrlich nicht zu. Sie sind vielmehr auf nicht endend wollender Wanderschaft. Kaum an ihrem Platz angekommen, möchten sie schon wieder weiter. Sie schieben den Stuhl nach hinten und trippeln von dannen. Mit Stock oder Gehgestell. Zum nächsten Stuhl oder nach Hause. « Jetzt muss ich aber wirklich gehen. Es ist schon spät ».

Andere sitzen nur da und sind schon am frühen Morgen unendlich müde. Müde von einem langen Leben, müde von einer unruhigen Nacht. Auf jeden Fall zu müde, um die Augen lange offen zu halten. Sie wissen nicht mehr, was man mit einem Wasserglas macht, erinnern sich nicht mehr daran, dass man die Brotscheibe zum Mund führen soll.

Frau Decker* hat gut geschlafen, freut sich über das schöne Wetter und löffelt ihren Joghurt mit viel Appetit. Herr Müller* löst Kreuzworträtsel, die Buchstaben haben ihn noch nicht verlassen. Seine Hände lassen sauber geformte Druckbuchstaben entstehen, die nacheinander ihren Platz in den vorgezeichneten Kästchen finden. Nur manchmal verirrt sich einer… Neben der Zeitung liegt eine Brille, eine Lupe und eine Armbanduhr. Ein schönes Bild.

Herr Müller nickt ein. Seine Tischnachbarin schimpft langsam vor sich her. Dabei blättert sie in einer Illustrierten, immer wieder. Was sie denn hier mache?, fragt sie anschließend. Vor der Kaserne, vor dem großen Tor. Stand eine Laterne und steht sie noch davor… Die Dame summt leise eine der Melodien, die ihr noch geblieben ist.

Frau Mathes* ist dabei Mensch-ärgere-dich-nicht zu spielen. Sie schaut das Spielfeld an und schiebt ihr Glas, mit Orangensaft gefüllt, auf das gelbe kreisrunde Startfeld. Es passt perfekt. Die ältere Dame ist sichtlich zufrieden über den gelungenen Spielzug. Ein zaghaftes Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Wir sind im Groupe socio-gérontologique, dem Wohnbereich im Howalder Altenheim, wo demenzkranke Menschen den Tag verbringen. Die Lebenseinheit ist schön gestaltet, mit vielen Erinnerungsstücken: eine Pendeluhr, ein altes Radio, eine mechanische Nähmaschine. Dazu jede Menge Pflanzen und ein Aquarium. Der Aufenthaltsraum ist mit einer warmen gelben Wandfarbe gestrichen. Auf der Terrasse steht die Hundehütte von Bambou, dem Therapiehund. Die alten und verwirrten Menschen sitzen rund um große Tische. Zum Wohnbereich gehören auch zwei Ruheräume, eine Küche und ein kleines hübsches Restaurant. Ein Ort, der eine angenehme Ruhe ausstrahlt, ein Ort voller Stille und voller Leben, ein Ort der beklemmend wirken kann. Seine Bewohner verbrachten früher die Zeit in den anderen Teilen des Altenheims, bis « et op eemol net méi goung ». Jetzt sind sie da angekommen, wo keiner hin möchte. Vor allem für die Angehörigen ist es schwer zu akzeptieren. Für sie ist die ältere Dame nicht Frau Müller. Es ist ihre Mutter, ihre Tante oder ihre kleine Schwester.

So wollen wir uns da wiedersehen,
B
ei der Laterne wollen wir stehen, 

Wie werden wir später da sitzen? Vielleicht mit Beatle-Posters für die Alt-Sechziger? Wird man der Generation « Golf » gute Stuben nachbauen mit Röhrenfernseher, auf denen man sich alte « Wetten dass-Sendungen » anschauen kann? Und werden die heute 20-Jährigen irgendwann später in einem Altenheim « Star Wars » auf ihrem iPad spielen und von den Heimmitarbeitern wegen soviel Rückständigkeit leise belächelt werden? Was werden in den nächsten Jahren generationsverbindene Themen sein? Die Hippie-Bewegung oder der Flug zum Mond? Der Mauerfall? Die Schließung der letzten Stahlwerke in Luxemburg? Der zweite Platz bei der Tour de France? Wie werden die Altenheime der Zukunft aussehen, in denen wir alt werden?

Wie einst Lili Marleen, wie einst Lili Marleen.

* Namen geändert