Transparente Betreuungsstrukturen schaffen

Die RBS-Mitarbeiterin Vibeke Walter hat sich mit Damien Ambrosini, Kerstin Holbach und Raoul Vinandy über das GSG-Konzept im Düdelinger Seniorenheim Grand-Duc Jean unterhalten.

Mit einem Info-Abend für Bewohner und Angehörige stellte das Düdelinger CIPA Servior Grand-Duc Jean im November 2016 sein Konzept der Demenzbetreuung innerhalb der neu gestalteten Räumlichkeiten der „Groupe socio-gérontologique“ (GSG) vor. Dabei sollten u.a. Hemmschwellen abgebaut und ein offenerer Umgang mit dem Thema Demenz ermöglicht werden.

Die Resonanz auf die Veranstaltung war groß und ebenso wohl auch die Neugier bei den rund 100 Teilnehmern, einmal hinter die Kulissen der hausinternen Betreuung von Demenzbetroffenen zu schauen. „Wir wollen das Konzept nicht isoliert sehen und die Familien miteinbeziehen sowie Ängste bei den Bewohnern mindern, die wissen, dass sie im Fall weitreichenderer kognitiver Beeinträchtigungen eines Tages hier betreut werden könnten“, erklärt der Direktionsbeauftragte Raoul Vinandy. Im Mittelpunkt des sehr positiv aufgenommenen Infoabends standen vor allem drei Aspekte.

Zunächst wurden von Raoul Vinandy die Problematik Demenz und kognitive Störungen ganz allgemein erklärt. Pflegedienstleiter Damien Ambrosini erläuterte anschließend das Servior Pflegekonzept, das den individuellen Bedürfnissen und Besonderheiten der insgesamt 207 Klienten Rechnung tragen soll: „Es ist anspruchsvoll, diese vielfältige, persönliche Betreuung im Alltag immer umzusetzen. Mindestens genauso wichtig sind jedoch auch der Respekt vor der Autonomie unserer Bewohner, die Identifizierung von Ressourcen und Stimulierung ihrer Kompetenzen.“

Kerstin Holbach, Fachkraft für Gerontopsychiatrie und verantwortlich für den GSG, unterstrich nach diesen Ausführungen die verschiedenen Stadien im Verlauf einer Demenzerkrankung sowie die besondere Funktionsweise des GSG. So werden hier z.B. die Mahlzeiten familiärer gestaltet und im Rahmen des Normalitätsprinzips in Schüsseln auf dem Tisch serviert. Auf dem Programm stehen vor allem alltagsnahe Aktivitäten, wie gemeinsam auf den Markt gehen, kochen, backen oder gärtnern, aber auch kegeln, turnen, singen oder malen. Ziel ist es, in einem vertrauten, wertschätzenden Umfeld die Bewohner zu reaktivieren, ihre motorischen und kognitiven Fähigkeiten zu erhalten sowie die Sinne zu stimulieren.

Wer sich zurückziehen oder ausruhen möchte, kann dies in den angrenzenden Ruheräumen tun, in denen zudem zwei Betten zur Verfügung stehen. Hier kann, wenn gewünscht, auch eine palliative Begleitung stattfinden. So können Bewohner am Lebensende am Geschehen im GSG teilhaben, ohne teilnehmen zu müssen. „Vorher war der Bereich relativ unpersönlich, jetzt haben wir versucht, ihn farbenfroher zu gestalten. Einige Extra-Möbel wurden von unserer Amicale gestiftet, die Bilder von Bewohnern zusammen mit einer Mitarbeiterin gemalt“, sagt Kerstin Holbach. „Wir wollten an dem Abend zeigen, wie der Alltag GSG verläuft und was ihn ausmacht. Man konnte aber auch spüren, wie stolz die Mitarbeiter auf ihren Bereich sind.“

Bis zu 30 Bewohner können tagsüber im GSG betreut werden, in dem insgesamt 23 Mitarbeiter (auxiliaires de vie, aides socio-familiales, aides-soignant(e)s sowie eine infirmière) zum Einsatz kommen. Pro Tag sind jeweils acht Mitarbeiter, sprich vier pro Schicht bzw. zwei pro Gruppe tätig. Sie müssen nicht nur über Luxemburgischkenntnisse verfügen (obwohl es inzwischen auch immer mehr überwiegend portugiesischsprachige Klienten gibt), sondern insbesondere Empathie und Offenheit im Umgang mit Menschen mitbringen, die an demenziellen, anderen neuro-degenerativen oder psychiatrischen Erkrankungen leiden. Als Kerstin Holbach ihren Job vor sieben Jahren mit vielen neuen Ideen antrat, stieß sie teils noch auf großes Unverständnis u.a. seitens ihrer französischen Kollegen. Vorherrschend war hier ein ausgesprochen medikalisierter Ansatz, andere Betreuungskonzepte wurden kaum in Betracht gezogen. „Wir wollen die Bewohner ja Die neuen Räumlichkeiten sind heller und freundlicher gestaltet nicht einfach ‚verwahren‘, sondern sie so gut wie möglich unterstützen und begleiten. Insgesamt haben sich die Mitarbeiter extrem weiterentwickelt. Sie sind besser geschult im Umgang mit Demenzkranken und können Kontexte für bestimmte ‚herausfordernde‘ Verhaltensweisen identifizieren und entsprechend handeln“, so Holbach.

Besonders in der anfangs oft schwierigen Eingewöhnungszeit sei es wichtig, gemeinsam nach kreativen, individuellen Lösungen zu suchen, um den Betroffenen den Übergang zu erleichtern. Die Entscheidung, dass ein Bewohner in die geschützte Tagesstruktur des GSG wechselt, wird in einer multidisziplinären Pflegekonferenz bzw. in Absprache mit der Direktion, den jeweiligen Wohnbereichsleitern, der Verantwortlichen des GSG, dem behandelnden Arzt sowie den Familien getroffen. Letztere haben vorab zudem die Möglichkeit, sich den GSG anzuschauen und genauer erklärt zu bekommen. Auch der betroffene Bewohner selbst kann zunächst stundenweise den GSG besuchen, um sich nach und nach an die neue Struktur zu gewöhnen.

„Vermehrter Orientierungsverlust, verstärkte Fortlauf-Tendenzen oder Schwierigkeiten beim Essen im Restaurant sind für uns meist erste Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt“, beschreibt Damien Ambrosini. „Die Familien merken meist ebenfalls, dass die Defizite ihres Angehörigen zunehmen und sind erleichtert, dass mit dem GSG ein spezialisiertes Angebot im Haus zur Verfügung steht, das auf diese Bedürfnisse eingehen kann. Sollte sich ein Bewohner entsprechend stabilisieren, kann er den GSG auch jederzeit wieder verlassen.“

Die Eingewöhnungszeit in den GSG liegt in der Regel bei drei Monaten. Die überschaubaren Räumlichkeiten, geregelten Tagesabläufe und stärkere Mitarbeiter-Präsenz vermitteln den Bewohnern ein Gefühl von Sicherheit und Struktur: „Das selbstständige Essen klappt wieder besser, sie wirken insgesamt orientierter und suchen z.B. von selbst die Toilette auf. Auch Angehörige bestätigen uns diese positiven Veränderungen“, so Holbach.

Die Düdelinger Altenhilfeeinrichtung stellt sich bereits jetzt darauf ein, dass es künftig immer mehr Klienten mit kognitiven und/oder psychiatrischen Beeinträchtigungen geben wird.

Freiheitsentziehende Maßnahmen oder Psychopharmaka kommen in der Begleitung dabei nicht in Betracht. Auch Familien sind diesen Ansätzen gegenüber zunehmend skeptisch eingestellt und haben oft schlechte Erfahrungen z.B. im Hinblick auf die Verabreichung von Medikamenten in Krankenhäusern gemacht. Sinnvoller erscheint eine angepasste Begleitung, die die spezifischen Bedürfnisse der Betroffenen berücksichtigt. „Für Bewohner mit einer leichten Demenz gibt es in einem Wohnbereich unseres Hauptgebäudes im sogenannten ‚Stiffchen‘ bereits eine besondere Betreuung, ein zweites dieser Art ist geplant“, erklärt Raoul Vinandy. Im benachbarten Gebäude, dem Pavillon, sollen nach Abschluss entsprechender Umbauarbeiten ebenfalls verstärkt alte Menschen mit hohem Pflegebedarf z.B. mit erheblichen kognitiven Beeinträchtigungen oder nach einem Krankenhausaufenthalt aufgenommen werden. Hier ist in naher Zukunft ein weiterer GSG-Bereich für 48 Bewohner vorgesehen.

PHILOSOPHIEDES DÜDELINGER GSG

  • Gleichbleibende Struktur
  • Respekt des Individuums
  • Ruhiges Ambiente
  • Fördern und Erhalten der Autonomie
  • Bewohner reaktivieren
  • Integration der Familie
  • Wünsche, Entscheidungen und Gewohnheiten berücksichtigen

ENVIRONNEMENT ET SÉCURITÉ AU GSG

  • Reproduire un environnement familial
  • Endroit calme, jardin sécurisé
  • Structure fixe, éclairage adapté, couleur des murs
  • Décoration selon les saisons, leurs époques, leurs lieux de vie
  • Vie sociale et activités
  • Garantir une autonomie (sorties dans le jardin, préparations culinaires)
  • Prévention des chutes
  • Matériel adapté
  • Points de repère
  • Equipe soignante fixe, prise en charge personnalisée des clients

Text: Vibeke Walter, RBS
Quelle: RBS – Center fir Altersfroen
Artikel als Download: Groupe socio-gérontologique. Transparente Betreuungsstrukturen schaffen (PDF, RBS-Bulletin 81, Mai 2017, Seiten 14-16)